Fragestellung


Vormoderne Herrschaftsformen wurden bisher überwiegend im europäischen Kontext untersucht; transkulturell vergleichende Fragestellungen sind eher selten behandelt worden. Ausgehend von diesem Desiderat unternimmt unsere interdisziplinär zusammengesetzte Netzwerkgruppe einen solchen Vergleich aus epochen-, kultur- und fächerüberschreitender Perspektive; dabei greifen wir Ansätze der in jüngerer Zeit präzisierten Methoden der historischen Komparatistik auf. Unsere Tagungen verfolgen das Ziel, Strategien der Legitimation, Begründung und Inszenierung von Herrschaft sowie Praktiken der Machtausübung, insbesondere der Interaktion monarchischer Herrscher mit unterschiedlichen sozialen Gruppen, in verschiedenen kulturellen Kontexten zu analysieren. Dabei fragen wir danach, ob und inwieweit Strategien und Praktiken monarchischer Herrschaft kulturspezifischen Prägungen folgen und in welchen Punkten oder unter welchen Voraussetzungen kulturübergreifende Muster konstatiert werden können.

Unser Projekt leistet einen Beitrag zur aktuellen Methodendiskussion in der historischen Komparatistik, zur transkulturellen Ausrichtung der Geschichtswissenschaft und zur interdisziplinären Kooperation historisch arbeitender Disziplinen der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung. Zugleich reflektiert die kulturübergreifende Fragestellung Probleme, die aus der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit heterogener Gesellschaften an die Geistes- und Kulturwissenschaften herangetragen werden. Ein weiteres Ziel der Netzwerkgruppe besteht darin, speziell für die Neuere Geschichte entwickelte Modelle historischer Komparatistik auf die Vormoderne anzuwenden, zu überprüfen und gegebenenfalls zu modifizieren.

Zu unseren Kernanliegen gehört das Ziel, die These eines vermeintlichen europäischen Sonderwegs zu relativieren. Im Hinblick auf den Investiturstreit, verschiedene spätmittelalterliche Konflikte zwischen Herrschern und Geistlichkeit, die Reformation und nicht zuletzt die politische Bewältigung der Folgen der frühneuzeitlichen Konfessionalisierung wird derzeit intensiv über das Verhältnis von Machtausübung und sakraler Legitimation diskutiert. Im Hinblick auf den Dualismus von "Staat" und "Kirche" spätestens seit der zweiten Hälfte des Mittelalters und im Gefolge von Reformation und Konfessionalisierung ist nach Kontinuitäten und Brüchen in der religiösen Legitimation von Machtausübung zu fragen, besonders im Hinblick auf den vermeintlichen europäischen Sonderweg beim wechselvollen Auf und Ab von Sakralität und Herrschaft zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit.

Ausgegangen wird von der Grundthese, dass sich sakral legitimierte Herrschaft besonders gut für transkulturelles Arbeiten (d. h. die Infragestellung abgeschotteter Kulturgrenzen) eignet, weil es sich um eine übergreifende, grundlegende Herrschaftsform handelt. Es sollen aber auch andere Aspekte von Herrschaft gebührend gewürdigt und in Relation zu sakralen Komponenten gesetzt werden, also rituelle und sprachliche Kommunikationsformen, die Beziehung des Monarchen zu den Magnaten, Konfliktaustragung und Konfliktlösung, räumliche Dimensionen der Herrschaft, Ehr- und Rangvorstellungen, die Existenz und Zusammensetzung eines Verwaltungsapparates sowie die Frage der Hierarchie und Konkurrenz von "Heiligkeiten", etwa im Zusammenhang mit der Sakralisierung von Gruppen und kollektiven Institutionen, die den exklusiven Sakralitätsanspruch des Herrschers in Frage stellten. Dabei geht es nicht um vermeintlich gezielte Strategien, sakrale Vorstellungen zur Herrschaftslegitimation zu gebrauchen, sondern eher um die Folgen einer faktisch zu konstatierenden Vorstellung vom sakralen Herrscher für den Charakter der Herrschaft in den genannten Feldern. Die Untersuchung von Verklammerung und Funktionalisierung der sakralen Komponente(n) im Rahmen des Gesamtkonstrukts vormoderner Herrschaft im transkulturellen Vergleich verspricht eine integrierte Analyse von Herrschaftstheorie und Herrschaftspraxis.

Das Projekt wird seit März 2007 über einen Zeitraum von drei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.